Caritas Oberhausen

21.07.17

„Helga sucht Sie“

Peggy Spenner, Gino Dresen und Sina Conen (v.l.) suchen Gastfamilien für Menschen mit Beeinträchtigung. Foto: Caritas Oberhausen / Kreuzfelder.

INKLUSION / Mit „Leben in Gastfamilien“ ermöglicht die Caritas das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung.


„Dass man sich versteht, ein gutes Verhältnis hat. Wichtig ist, dass man füreinander da ist“. So beschreibt Helga (Name geändert), was ihr wichtig ist, wenn sie mit Menschen zusammen lebt. Helga ist 48 Jahre alt, leidet seit mehr als 15 Jahren unter Schizophrenie und einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Seitdem lebt sie in verschiedenen stationären Einrichtungen. Jetzt sucht Helga eine Familie, bei der sie wohnen kann. Ein neues Projekt der Caritas Oberhausen hilft ihr dabei.


Bei Pflegefamilien denken viele an Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen, die in Familien unterkommen. Was die Caritas Oberhausen unter dem Titel „Leben in Gastfamilien“ (LiGa) jetzt zusätzlich vorhat, ist neu in Oberhausen: Ab sofort bringt sie Erwachsene mit geistiger oder psychischer Beeinträchtigung mit Familien, Paaren oder Einzelpersonen zusammen. Das Ziel: Gemeinsam leben – auf Dauer oder für eine bestimmte Zeit.

Hilfe und Unterstützung beim Zusammenleben

„Für die Aufnahme eines Gastbewohners sind weder Vorkenntnisse noch eine Ausbildung nötig. Wichtig ist die Bereitschaft, einen Menschen in das eigene Lebensumfeld zu integrieren und dessen Bedürfnissen mit Verständnis zu begegnen“, erklärt Projektmitarbeiterin Sina Conen. Neben einer steuerfreien Aufwandsentschädigung von 990 Euro im Monat bekommen Gastfamilie und Gastbewohner professionelle Unterstützung von Caritas-Fachkräften. Ein fester Mitarbeiter kommt regelmäßig zu Hausbesuchen, steht im Alltag mit Rat und Tat zur Seite und begleitet zu Ärzten und Therapeuten. Außerdem können die Gastbewohner die breite Caritas-Palette aus Beschäftigung, wie zum Beispiel die Mitarbeit im Bistro Jederman, und Freizeitangeboten wie Kinobesuche, Sport- oder Musikgruppen nutzen.

Erprobtes Konzept mit langer Tradition

„Wir wollen Menschen mit Beeinträchtigung ermöglichen, einfach am Leben teilzuhaben, Beziehungen zu leben. Familien bieten Normalität und Alltag, Integration in eine Nachbarschaft und weitere soziale Kontakte. Das ist für uns gelebte Inklusion, die wir fördern wollen“, erläutert die Caritas-Vorstand Michael Kreuzfelder das Ziel.


Und das mit einem Konzept, das es schon seit dem Mittelalter gibt. Damals begründet auf das Wirken der Heiligen Dymphna im belgischen Ort Geel, die sich dort um geistig Kranke kümmerte. Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich die Unterbringung seelisch Kranker in Gastfamilien in Europa, in Deutschland wurde sie unter dem Namen Familienpflege bekannt. Durch die gezielte Ermordung von Menschen mit Behinderung in der Nazizeit verschwand die Familienpflege.


Um diese neue, alte Wohnform wieder zu beleben, ist die Caritas eine Kooperation mit „Spix e.V.“ eingegangen. Der Verein hat im Kreis Wesel bereits 26 Menschen mit Beeinträchtigung erfolgreich in Gastfamilien vermittelt und steht der Caritas mit seinen Erfahrungen zur Seite. Einen engen Austausch wird es auch mit den Mitarbeiterinnen des Caritas-Pflegekinderdienstes geben. „Mit LiGa begleiten wir Erwachsene, haben aber mit dem PKD eine sehr große Erfahrung in der Betreuung von Pflegefamilien. Diese nutzen wir gegenseitig“, erläutert Projektleiter Gino Dresen.


Die Caritas geht fest davon aus, dass es in Oberhausen Menschen gibt, die sich vorstellen können, einen Erwachsenen mit Handicap aufzunehmen. „Das soziale Engagement in unserer Stadt ist sehr hoch. Wir wollen in diesem Jahr zwei oder drei Familien mit Menschen mit Beeinträchtigung zusammenbringen. Das wäre ein guter Anfang“, glaubt Dresen. Dafür sucht die Caritas auch Erwachsene mit Beeinträchtigung, die etwa in Heimen oder Betreutem Wohnen leben und sich ein Zusammenleben mit einer Gastfamilie wünschen.


Helga jedenfalls hat schon Erfahrung im Zusammenleben durch ihre aktuelle Vierer-WG in einer Wohneinrichtung für Menschen mit psychischer Erkrankung. „Da mach ich meine Dienste. Ich gehe einkaufen und koche, mache kleine Jobs im Wohnheim. Manchmal brauche ich mehr Kontakt, manchmal möchte ich in Ruhe gelassen werden. Ich sehe gern fern und treffe mich auf einen Kaffee mit Freunden und Mitbewohnern.“ Von einem Leben in einer Familie, bei einem Paar oder einer Einzelperson erhofft Helga sich vor allem zweierlei: „Verständnis und Zeit zusammen.“


Die Caritas lädt Interessierte zu einer offenen Infoveranstaltung am Mittwoch, 2. August, um 18 Uhr im Altfrid-Haus (Eingang Parkplatz), Mülheimer Str. 202, ein. Alle Infos bei:

Sina Conen und Peggy Spenner
liga(at)caritas-oberhausen.de
www.facebook.com/caritasOB
mobil: 0163 / 880 86 28
Mülheimer Str. 202
46045 Oberhausen